Fachbereich Literatur
Lesungen, für Schriftstellerinnen so wichtig wie Ausstellungen für bildende Künstlerinnen, ermöglichen die öffentliche Präsentation von Neuerscheinungen, aber auch von unveröffentlichten Texten. Ab 1960 fanden Gruppentreffen und Lesungen in privatem Rahmen statt, meist in den Häusern von Kunstfreundinnen, wo oft nicht nur Texte vorgetragen, sondern auch Werke der bildenden Kunst und/ oder kunsthandwerkliche Arbeiten gezeigt wurden, manchmal zusätzlich umrahmt von Musikdarbietungen; Salon-Atmosphäre, die nicht selten unterstützt durch Bewirtung seitens der Gastgeberinnen, Möglichkeiten zu Meinungsaustausch und freundschaftlichen Kontakten bot.
Neben diesen halb-privaten Kunstpräsentationen entfaltete die Literaturgruppe in dem der Neugründung folgenden Jahr 1961 vielfältige Aktivitäten. So wurde im Januar anläßlich der Klee-Ausstellung zu einer Diskussionsrunde im Haus einer Kunstfreundin eingeladen, Ingeborg Drewitz hatte eine Lesung im Viktoria-Studienhaus. Im Februar fand im Deutschen Bühnen-Club eine literarisch-musikalische Veranstaltung mit Werken jüdischer Dichterinnen und Komponistinnen statt, es folgten weitere Lesungen, ein Virginia-Woolf-Abend, sowie eine Gedenkveranstaltung für Gottfried Benn. Autorinnen der GEDOK beteiligten sich in ihren Gruppen an den allgemeinen Auseinandersetzungen um Bedeutung und Stellung der Literatur und des Schriftstellers in Gesellschaft und Politik.
Ab Mitte der 60er Jahre wurde die Position der Frau in der Literatur allgemein und in Texten von Autorinnen thematisiert. Neue stilistische Akzente und die emanzipatorischen Leistungen von Schriftstellerinnen wurden reflektiert. Ingeborg Drewitz veröffentlichte 1965 ihre Untersuchung über die Berliner Salons (Sammelreihe "Berliner Reminiszenzen"). 1968 übernahm sie die Leitung der Berliner Literaturgruppe. Die Aktivitäten der 60er und 70er Jahre beschrieb sie wie folgt: "... in den 60er Jahren ist eine Veränderung erkennbar, werden internationale Kontakte mit den Herausgeberinnen der Zeitschrift "L´Expressionisme" in Paris gesucht, führe ich einen Veranstaltungskalender aller GEDOK-Aktivitäten in der Zeitschrift "Der Literat" ein. ...und entschließt sich die Lyrikerin Marierosa Steinbüchel-Fuchs in Köln, einen GEDOK-Literaturpreis, den "Ida-Dehmel-Preis" zu stiften. Wieder werden namhafte Autorinnen gewonnen und wird 1977 die Ausstellung "Frauen in der deutschsprachigen Literatur seit 1945" zur Jahrestagung in Freiburg eröffnet. Die Ausstellung, die ich ausrichten durfte... hatte in acht bundesdeutschen Großstädten und in den Goethe-Instituten Italiens schöne Erfolge, bis sie... in der neuen Stadtbibliothek Wiesbaden zuletzt gezeigt und dort archiviert wurde."
Die Stiftung des GEDOK-Literatur-Preises gehört zu den wichtigsten Initiativen der Jahrzehnte nach der Neugründung. Der Preis wird alle drei Jahre verliehen und würdigt ein literarisches Gesamtwerk. Er ging 1968 an die Lyrikerin Hilde Domin als erste Preisträgerin. Auf ihr Betreiben wurde 1971 ergänzend der GEDOK-Förderpreis für Nachwuchs-Autorinnen eingerichtet.
Jahre später erst formulierten in der Frauenbewegung engagierte Künstlerinnen die Notwendigkeit von Preis-Vergaben an Künstlerinnen, um auf sie aufmerksam zu machen, ihr Werk zu honorieren und auch um die Bedeutung von Namensgeberinnen zu unterstreichen und öffentlich zu machen.
In den 70er Jahren veranstalteten die Berliner Autorinnen die Reihe "Autorinnen stellen sich vor", die "Indischen Wochen" sowie Lesungen von Aldona Gustas. Die "Dienstagsrunde" mit Literatur und Musik und die "Mittwochsrunde" mit Lesungen wurden eingerichtet. Ingeborg Drewitz wurde Vizepräsidentin des Deutschen Pen-Clubs und übernahm die Redaktion der Zeitschrift "Frauen". 1975 gab sie das Sonderheft "Frauen International" heraus.
Die Ausstellung "Gegenlicht 60 Jahre GEDOK", 1986, zeigte Werke von Autorinnen in einer Sonderschau. Auch im Rahmen der Freien Berliner Kunstausstellung (FBK) wurden Buchpräsentationen und Lesungen von Autorinnen der GEDOK veranstaltet. Diese Möglichkeit endete 1995 mit der Abschaffung der FBK.
Ende der 80er Jahre begannen Kontakte mit Schriftstellerinnen aus Ost-Berlin, nach dem Fall der Mauer traten der GEDOK neue Mitglieder aus der DDR bei. GEDOK-Gruppen bildeten sich später auch in Ostdeutschland, 1998 fand die Delegiertenversammlung in Leipzig statt, mit der Verleihung des GEDOK-Literaturpreises an Herta Müller und des Förderpreises an Kathrin Schmidt.
Durch neue elektronische Medien und neoliberale Trends in der Gesellschaft begann in den 90er Jahren ein Erosionsprozeß im Verlagswesen: Die Herstellung von Texten und die Produktion von Büchern wird sich in den kommenden Jahrzehnten grundlegend verändern. Autorenlesungen verloren an Bedeutung, selbst in Berlin, der klassischen Stadt der Lesungen seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Möglich, daß die GEDOK in Zukunft nicht nur eigene Ausstellungsräume, sondern auch einen eigenen Verlag und ein eigenes Vertriebswesen braucht, um Autorinnen künftig so zu fördern und zu unterstützen, wie es ihren veränderten Bedürfnissen in sich wandelnden Zeiten entspricht.
